Montag, 8. Juli 2013

[Löchert die Autoren] Interview mit Anika Beer

Endlich ist es soweit und das Interview mit Anika Beer geht mit einiger Verzögerung online.

Ich finde es ganz toll geworden und bedanke mich noch mal ganz herzlich bei Anika, dass sie sich dazu bereit erklärt hat und die Fragen wirklich ausführlich beantwortet hat.

Ich wünsche euch viel Spaß damit. ;)




  1. Wie würdest du dich selbst beschreiben?
    © Isabelle Grubert
    Tja, wie soll ich da anfangen? Vielleicht mit: Ich liebe Erdbeeren, weil das so schön zum Sommer passt. Überhaupt mag ich gutes Essen, so lange es kein Grießbrei ist. Ich mag es, bei jedem Wetter barfuß zu laufen, und der Herbst ist meine liebste Jahreszeit. Ich bewege mich gern, vor allem beim japanischen Schwertkampf oder beim Schwimmen, aber genauso gern hänge ich auch einfach nur faul rum, spiele den ganzen Tag PC- oder Konsolenspiele oder lese ein Buch. Ich höre gern Musik beim Zugfahren, aber ich finde es furchtbar, wenn der Zug stehenbleibt, während die Musik gerade schneller wird. Ich mag Hunde, aber ich liebe Katzen. Ich mag es, wenn es ordentlich ist, aber ich komme nicht immer mit dem Aufräumen hinterher. Die Natur ist mir sehr wichtig, und meine Familie und meine Freunde auch. Außerdem gebe ich mir Mühe, jeden Tag etwas Neues zu lernen. Alles in Allem bin ich also vermutlich ein ganz normaler Mensch.

  1. Wie läuft ein normaler Tag in deinem Leben ab? Gibt es bestimmte Rituale usw.? Zu welcher Tageszeit schreibst du am liebsten/produktivsten und wo? Und wo kannst du gar nicht schreiben?
    Ein normaler Tag sieht bei mir wie folgt aus: Ich stehe irgendwann auf, frühstücke und setze mich dann an den Rechner. Manchmal mache ich zu diesem Zeitpunkt auch schon alibimäßig mein aktuelles Manuskript auf, damit ich jederzeit anfangen kann zu arbeiten, falls es mich unerwartet überkommt. Meistens überprüfe ich aber erstmal, ob das Internet noch da ist, und überhaupt, ob die Welt da draußen überhaupt noch existiert, man kann ja nie wissen. Dann muss ich vielleicht noch einkaufen, telefonieren oder sonstige Dinge erledigen. Und irgendwann fange ich dann auch mit dem Schreiben an. ;-) Nein, aber mal im Ernst. Tatsächlich habe ich keine festen Rituale, Orte oder Zeiten zum Schreiben. Ich habe von vielen gehört, dass ihnen das hilft, aber bei mir ist es so, ich brauche die Abwechslung, um kreativ zu bleiben. Das bedeutet, auch öfter mal innerhalb der Wohnung den Arbeitsplatz zu wechseln, mal Musik zu hören und mal nicht, und vor allem immer mal eine Weile aus dem Fenster zu starren. Darum kann ich auch ganz gut unterwegs schreiben, im Zug zum Beispiel. Und eine besondere Spezialität von mir ist es, in einem Raum voller redender Menschen alle Geräusche auszublenden und mich trotzdem auf meine Geschichte zu konzentrieren. Wenn ich so darüber nachdenke, gibt es vermutlich keinen Ort, an dem ich gar nicht schreiben könnte. Umgekehrt dafür aber auch keinen, an dem ich immer schreiben kann, und auch keine Methode oder ein Ritual, das mich zuverlässig in Schreibstimmung versetzen könnte. Das bedaure ich manchmal, aber man kann eben nicht alles haben.

  1. Wie sieht dein Schreibtisch aus? Ordentlich oder chaotisch oder organisiert?
    Da ich, wie gesagt, keinen festen Schreibplatz habe, ist die Frage nicht so leicht zu beantworten. Tendenziell aber eher kreativ-chaotisch.

  1. Wie bearbeitest du mögliche Notizen und Ideen?
    Wie so viele meiner Kollegen leide auch ich unter der bekannten Autorenkrankheit, mir ständig neue, hübsche Notizbücher zulegen zu müssen, ob die bereits vorhandenen nun schon voll sind oder nicht. Dementsprechend finden die allermeisten Ideen zuerst ihren Weg aus meinem Kopf in eins dieser Notizbücher, und das in ziemlich roher, unstrukturierter Form, der eher eine Art an mich selbst gerichteter Monolog ist. Da ich aber in den Notizbüchern die Ideen nicht nach Projekt geordnet aufschreibe, gebe ich mir Mühe, die Notizen möglichst bald zusätzlich in ein Projekt-Dokument auf meinem PC zu übertragen. Dort liegen sie dann erstmal, bis ich mir die Zeit nehme, mich näher mit dem Projekt zu befassen.

  1. Wie bist du zum Schreiben gekommen? Hast du schon immer davon geträumt Autorin zu werden und hast du schon als Kind Geschichten geschrieben? Und wenn ja, ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?
    Wie ich zum Schreiben gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr, weil ich damals noch sehr jung gewesen sein muss. Meine erste Schreibmaschine habe ich jedenfalls zu meinem achten Geburtstag bekommen, und ich weiß noch, dass ich mit zwölf die Absicht hatte, die jüngste je veröffentlichte Autorin der Welt zu werden. Das hat nun nicht ganz geklappt, aber immerhin bin ich am Ende doch in diesem Beruf gelandet. Und nein – es ist ganz und gar nicht, wie ich es mir vorgestellt habe. Es ist viel bürokratischer, unsicherer und oft auch viel frustrierender. Aber das Gefühl, ein eigenes Buch gedruckt in der Hand zu halten oder in den großen Buchhandlungen ausliegen zu sehen, das ist ganz genau so, wie ich es mir immer erträumt habe, und dafür lohnt es sich allemal, die Schattenseiten in Kauf zu nehmen.

  1. Spiegelst du dich selbst in irgendeiner Weise in einem deiner Protagonisten wieder oder gibt es Personen in der Realität, die als Vorbild für die Charaktere in deinem Buch dienen?
    Jein und nein. Ich gestalte meine Figuren nicht bewusst nach reellen Vorbildern, weder nach mir selbst noch nach Menschen, die ich kenne. Aber natürlich fließt immer etwas aus dem eigenen Erfahrungsschatz in die Gestaltung von Charakteren mit ein, die nur deshalb lebendig werden können, weil der Autor ein gutes Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen hat. Und die bekommt man nur, wenn man auch im „echten Leben“ ein aufmerksamer und einfühlsamer Beobachter ist.

  1. Wann und wo bekommst du deine Inspiration und wodurch? An Tagen an dem die Ideen eigentlich unpassend sind um sie sofort aufs Papier zu bringen oder wenn du Zeit hat?
    Diese Frage kann ich eindeutig mit „Ja“ beantworten – was so viel heißen will wie „sowohl als auch“. Ideen sind ziemlich unberechenbar, was das angeht. Inspiration kann ja überall versteckt sein, in jedem Lied, jedem Spaziergang durch den Park und in jedem zufällig verlinkten Artikel auf Facebook. Man weiß eben vorher nicht, welche Reize in unserem Kopf plötzlich Ideen für Geschichten triggern, und man muss sie so nehmen, wie es kommt. Grundsätzlich kann ich aber sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, von einer Idee überfallen zu werden, höher ist, während man gerade intensiv an einem Projekt arbeitet. Einfach, weil der Kopf dann ohnehin arbeiten muss, um logische Zusammenhänge und spannende Szenarien zu entwickeln. Da ist ein gewisser „Sägemehlhaufen“ an neuen kleinen Ideen vermutlich unvermeidbar.

  1. Was machst du gegen Schreibblockaden? Ist das schon einmal vorgekommen?
    Eine richtige Blockade? Nein, eigentlich nicht. Unlust oder Erschöpfung, das ja. Manchmal fehlt auch einfach der Input von außen. Dann weiß ich, es ist mal wieder Zeit, den Schreibplatz zu wechseln oder ein paar Tage Pause zu machen und mein Gehirn mit Filmen, Musik und Büchern zu füttern, rauszugehen und mit Menschen zu reden und einfach mal den Kopf freizukriegen. Nach einer Weile geht es dann auch wieder von ganz allein.

  1. Fändest du es schön, wenn man deine Bücher verfilmen würde oder würdest du das nicht so gerne haben?
    Oh, das fände ich ganz unbedingt sehr schön! Ich weiß, dass es ganz viele schlechte Verfilmungen gibt, die sich so gut wie gar nicht mehr an die Vorlage halten. Aber das finde ich halb so schlimm. Was mich an dem Gedanken reizt, ist die Neugier darauf, wie sich wohl andere vorstellen, was ich erzählt habe. Haben sie ähnliche Bilder im Kopf wie ich? Einen Blick darauf zu werfen, wie andere meine Geschichten wahrnehmen und interpretieren, das finde ich wahnsinnig spannend. Das gilt übrigens nicht nur für Verfilmungen, sondern auch für Bilder oder FanFictions. Ich hoffe immer noch, dass jemand eines Tages mal sowas für mich macht.

  1. Mit welchen neuen Buchprojekten können wir denn in nächster Zeit rechnen?
    Mit so einigen! Zuerst einmal steht im nächsten Herbst noch ein weiterer Jugendroman bei cbj an. Außerdem werde ich mich im Frühjahr 2015 an einem Kinderbuch ab 10 versuchen. Und nicht zuletzt möchte ich auch unglaublich gern wieder einmal einen Roman für Erwachsene schreiben. Das habe ich seit meinen dystopischen Vampirromanen „Die Blutgabe“ und „Unberührbar“ nicht mehr gemacht, und ich hoffe sehr, dass das bald wieder klappt. Ideen habe ich jedenfalls genug.

  1. Liest du mehr selber oder schreibst du doch lieber? Und welche Bücher liest du gerne, (bestimmte Autoren oder Genres)? Hast du Vorbilder unter den Autoren?
    Es klingt vielleicht merkwürdig, aber für mich sind Lesen und Schreiben zwei sehr unterschiedliche Dinge. Lesen ist etwas, das ich zur Entspannung tue, während Schreiben vieles für mich ist, aber ganz bestimmt nicht entspannend. Das wäre, als würde man einen Ausflug in den Kletterwald mit einem Picknick im Park vergleichen. Beides ist wunderbar und macht eine Menge Spaß, aber es sind zwei völlig verschiedene Dinge, obwohl beides Freizeit im Grünen ist. Was meine Lieblingsautoren oder –genres betrifft, bin ich wirklich nicht festgelegt. Mir ist wichtig, dass mir die Sprache gefällt, dass ich die Figuren mag, und dass mir eine interessante Geschichte erzählt wird. Autoren, die das meiner Ansicht nach besonders gut können, sind z.B. Jeffrey Eugenides, Suzanne Collins, Carlos Ruiz Zafon oder Tanja Heitmann. Echte Vorbilder habe ich allerdings keine. Ich habe meine eigene Erzählstimme, und auf die bin ich stolz.

  1. Arbeitest du an mehreren Büchern gleichzeitig, oder konzentrierst du dich auf eines? Kannst du dabei zwischen deinem Pesudonym-Schreiben und dem eigenen Namen locker hin- und herschalten, oder musst du das trennen?
    Grundsätzlich arbeite ich immer nur an einem Roman gleichzeitig. Es kommt aber durchaus vor, dass ich während des Schreibens an einem Projekt schon das nächste plane. Und manchmal kommt es zu längeren Pausen, wenn z.B. die erste Hälfte des Manuskripts bei der Lektorin liegt und auf Anmerkungen wartet. Dann kann es durchaus sein, dass ich schon mal in einen neuen Text reinschnuppere, um zu sehen, wie er sich anfühlt.

  1. Gibt es etwas (einen Ort, eine Figur, ein Ereignis, eine Zeit ö.ä.) über das du unbedingt einmal schreiben willst, bisher habe nicht getan/ nicht die Möglichkeit gehabt haben?
    Tatsächlich gibt es eine Figur in meinem Kopf, über die ich sehr gern einmal schreiben würde. Ein total toller Typ, der allerdings fiktiv ist – ein Schwertkämpfer aus einem einst durch Kreuzung mit Dämonen gezüchteten Kriegervolk. Sein Volk war Jahrhunderte in einer Zeitfalte gefangen und vergessen, bis sie durch einen Zufall befreit wurden. Jetzt will sein Volk mit seinen Schwertern und seinen antiquierten Vorstellungen die Welt mittels Krieg zu einem besseren Ort machen, aber das geht natürlich völlig in die Hose. In der eigentlichen Geschichte geht es aber vor allem darum, was nach diesem gescheiterten Krieg passiert, und wie so ein Volk, dessen einziger Daseinszweck der Krieg ist, sich in eine friedliche Gesellschaft einfügen soll. Und um eine hochdramatische Liebesgeschichte, natürlich. Aber ich fürchte, diese Geschichte ist zu speziell, um einen Verlag zu finden … Alternativ schreibe ich aber auch gern einen historischen Roman über eine weibliche Samurai. Wenn ich bloß mal nach Japan käme, um vor Ort zu recherchieren …

  1. Wie hat sich dein Leben seit der ersten Veröffentlichung verändert?
    Vor allem in sofern, als dass Schreiben nun nicht mehr mein Hobby ist, sondern Arbeit. Es ist schon ein anderes Gefühl, wenn man Schreiben immer als Freizeit wahrgenommen hat. Freizeit und Arbeit werden plötzlich sehr schwer zu trennen, und das kann wirklich zum Problem werden, wenn man dann plötzlich diszipliniert seine Abgabetermine einhalten soll. Aber man gewöhnt sich daran. ;-)

  1. Hörst du beim Schreiben Musik oder kannst du dich dabei nie konzentrieren?
    Mal so, mal so. Ich habe ja schon erklärt, dass ich auf solche Fragen keine eindeutigen Antworten geben kann. Wenn ich richtig im Schreibfluss drin bin, ist es aber sowieso egal, weil meine Ohren sich dann abschalten und ich gar nichts mehr von dem höre, was um mich herum so passiert …

  1. Was ist beim Schreiben zuerst da, die Geschichte oder die Charaktere?
    Hm, ich glaube, das kann man gar nicht so trennen. Wenn der Charakter auftaucht, bringt er seine Geschichte ja gleich mit, denn ohne Geschichte wäre er keine richtige Figur. Klar, viele Aspekte der Geschichte werden erst nach und nach oder im Zusammenspiel mit anderen Charakteren richtig klar, aber grundsätzlich ist noch keine Figur ganz ohne Geschichte bei mir aufgetaucht. Was aber durchaus vorkommt ist, dass ich ein Setting im Kopf habe, über das ich gern schreiben möchte. Bei meinen Vampirromanen war es beispielsweise so, dass ich das dystopische, von Vampiren beherrschte Szenario mit den Menschenzuchtfarmen und der mutierten neuen Vampirrasse schon ziemlich komplett hatte, ehe ich wusste, was für eine Geschichte ich vor diesem Hintergrund erzählen will, und mit welchen Charakteren ich arbeiten werde.
Vielen lieben Dank Anika!

Kommentare:

  1. Ein tolles Interview mit sehr sympathischen Antworten! Ich muss zugeben dass ich Interviews seltenst (komplett) lese, meist interessieren sie mich nicht genug... Auch wenn man sowas kaum zugeben darf *lach* Bei dem hier war ich bei der ersten Antwort gleich gefangen und bin jetzt außerdem neugierig auf die Bücher :)

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  2. Nette sympathische Autorin, wenn auch etwas chaotisch, wie mir scheint.
    Aber gut jedem Seins.

    LG..Karin..

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